Andreas Pietschmann ist ein deutscher Schauspieler – und ein Spätentwickler. Sein Weg führte ihn zunächst durch die Umkleidekabinen eines fränkischen Fussball-Drittligisten, durch die Vorlesungssäle einer Universität in Frankreich , sowie durch eine Panzerdivision der Bundeswehr, ehe er bei einer Inszenierung „Der Feuerzangenbowle“ einmal laut vernehmlich rülpsen durfte. Damit war der Weg gebahnt, seine Zukunft als Schauspieler besiegelt – und da war er schon 24. Später holten ihn die renommierten Intendanten Leander Haußmann und Ulrich Khuon, Christoph Marthaler und Armin Petras an ihre Bühnen und ließen ihn das machen, was er am besten kann: Spielen. Das macht er noch immer, inzwischen erfolgreich in Film, TV und auf der Bühne.
„Verdammt, ich bin ja genau so“
Er war der Aufsässige und der Lauteste. Das will etwas heißen – bei insgesamt sechs Kindern im Hause Pietschmann. Im Jahr 1969 wurde Andreas in eine Würzburger Akademiker-Familie hinein geboren. Die Eltern legten großen Wert auf eine humanistische Bildung. Griechisch, Latein – da musste Pietschmann durch. Außerdem hatte Mutter Pietschmann die Angewohnheit, ihren Söhnen häufig die gleiche Kleidung anzuziehen. So konnte man auf den ersten Blick einen echten Pietschmann erkennen. Inzwischen tragen die Pietschmann-Jungs ihren eigenen Stil, sind aber immer noch eng verbunden. Wenn er an seine heftige Teenie-Revolte gegen die Eltern denken muss, kommt ihm heute die Erkenntnis: „Im Grunde bin ich doch genau so.“
„Gehsd’ widder in dei Deaader?“
Eigentlich hatte Pietschmann eine andere Bühne im Visier – die große, internationale Fußballbühne. Er war ein Wusler, ein Torjäger, ein Rohdiamant. Damals, als er bei Kickers Würzburg spielte, hatten sie auf der Tribüne geraunt: „Das wird mal ein Großer.“ Er wurde es nicht, er hätte zulegen müssen, Hanteln stemmen, mehr trainieren, alles für den Fußball geben müssen. Das hat er nicht getan. Lieber machte Pietschmann Theater – und in der Umkleidekabine feixten die Kick-Kollegen: „Gehsd‘ widder in dei Deaader, Eier graulen?“ Der Fußball ist dennoch Leidenschaft geblieben. Außerdem hat er dem Kicken etwas Wesentliches zu verdanken: Es hat ihn zum Teamplayer gemacht. Das ist auch bei der Schauspielerei nicht verkehrt. Ein „Hamlet“ oder ein „Roberto Zucco“ glänzen nicht allein auf der Bühne.
„Ich will immer Spielen“
Erst im Sandkasten, später beim Fußball, dann im Theater. Spielen, spielen, spielen. Das Gefühl, jemand anderer zu sein, in eine andere Rolle zu schlüpfen, eine Scheinwirklichkeit zu erleben, das ist das Faszinierende. Und da muss alles stimmen. Für den ARD-Film „Die Verlorenen“, in dem Pietschmann die männliche Hauptrolle spielte, musste er Jonglieren lernen. Mit brennenden Fackeln. Er fuhr nach Italien auf ein internationales Jongliertreffen, suchte sich einen Lehrer und übte sechs Wochen lang. Überall! Wenn er am Bahnhof auf den Zug wartete, holte er die Fackeln raus und jonglierte auf dem Bahnsteig. „Das wirkte schon seltsam, zumal mir erst mal ständig alle Fackeln hinfielen.“, sagt Pietschmann. Aber das ist sein Einsatz für die Figuren, sein Engagement für den Beruf. Jedes Mal eine neue Herausforderung. Und besondere Rollen sind es, wenn er seine beiden Leidenschaften (Fußball und Schauspiel) verbinden kann wie im Kino-Film „FC Venus“.
Vom Kicker zum Spieler – das Erweckungs-Erlebnis
Er war auf dem Weg zur Bundeswehr. Er war zu schnell unterwegs. Das Auto kam auf Glatteis ins Schlingern, kam von der Fahrbahn ab, überschlug sich mehrere Male – doch Pietschmann blieb zum Glück unverletzt. Der Unfall war ein Schock, und Pietschmann wusste: „Mir ist ein zweites Leben geschenkt worden“. Und das wollte er als Schauspieler führen. Er ging direkt zum Würzburger Off-Theater „Chambinzky“, stellte sich vor den Regisseur und sagte „Ich will mitmachen!“ Der Regisseur fragte: „Wer bist du eigentlich? Hast du überhaupt schon mal gespielt.“ „Nö“, war die Antwort, „ich bin Fußballer bei den Kickers Würzburg und außerdem gerade beim Bund.“ Sie tranken zwei Bier – und Pietschmann durfte mitmachen. Nebenbei studierte er Romanistik und Anglistik. Mit 24 bewarb er sich dann bei der Schauspielschule in Bochum. Die waren sehr angetan. Er blieb, ließ das Philologiestudium und wurde, was er immer wollte: Schauspieler.
Der Tiefsinn und das schöne Gesicht
„Hartnäckig hält sich das Gerücht, das schöne Menschen nicht tiefsinnig sein können“, sagte Regisseur Leander Haußmann. Er meinte auch Pietschmann, tat aber alles, um das Gerücht zu zerstreuen. Haußmann holte Pietschmann noch während der Ausbildung, 1995 ans Schauspielhaus Bochum und ließ ihn in großen Inszenierungen wie „
Dantons Tod“, „
Phaedra“, „
Viel Lärm um Nichts“, „
John Gabriel Borkman – und vor allem in „
Roberto Zucco“ spielen, wo Pietschmann den Mörder mit dem Unschuldsgesicht gab. Nach der „intensiven Zeit“ in Bochum wechselte Pietschmann ans Thalia Theater in Hamburg, wo ihm Fußball-Fan und Intendant Ulrich Khuon die Chance gab, mit Regisseuren wie Stephan Kimmig, Martin Kusej und Armin Petras zusammen zu arbeiten.
Der Allrounder
Der Beruf Schauspieler bietet viele Möglichkeiten – und Pietschmann nutzt sie. Unerschrocken und neugierig auf das, was es da noch alles gibt. Neben dem klassischen Sprechtheater, liest er Hörbücher ein , macht anspruchsvolle Hörspielproduktion – und steht verstärkt vor der Kamera. Vor allem die Sat-1-Serie „
GSG 9“ machte ihn einem breiteren Publikum bekannt. Pietschmanns Figur war Teil einer Spezialeinheit, die bei Attentaten, Politiker-Entführungen, Botschafts-Überfällen eingesetzt wurde. Die Serie war sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum ein Erfolg. Außerdem trat er in der Reihe „
Tatort“, der Kinderserie „
Vier gegen Z“ , den romantischen Komödien „
Vorzimmer zur Hölle“ und „
Auf Doktor komm raus“, den Event-Movies „
Die Patin“ , „
Böseckendorf „ und „
Hindenburg“ sowie im Kino-Film „
Sonnenallee“ auf.
Andreas Pietschmann lebt zusammen mit der Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai in Berlin und hat mit ihr gemeinsam eine Tochter.